Question of Perspective
Question of Perspective
Nadine Godehardt

Über Berlin nach Peking

 

Ich gehe durch die Straßen. Es ist Herbst. Überall wirbelt der Wind die bunten Blätter durcheinander. Ich atme tief ein und rieche in diese Jahreszeit hinein. Sie drückt so sehr das aus, was ich fühle. Unbeständigkeit. Unentschlossenheit. Kreativität. In die Länge gezogene Schatten begegnen sich auf der Straße. Übergänge sind fließend. Alles scheint nicht so recht zu wissen, wo es hingehört. So gehe ich durch die Straßen von einem zum andren Ort – vor und zurück, wende mich hierhin und dorthin. Die Zeit, die dieser Jahreszeit an jedem Tag ein neues anderes Gesicht gibt, jagt mich. Ich bekomme Falten. Sie wachsen von innen nach außen, wollen wie alles andre herausbrechen und lassen mich das spüren.

 

Ich fange an zu laufen, sehe mit offenen Augen, ohne zu erschrecken. Alles, um mich herum, spricht die Sprache der Dinge, die mich überdauern. Ich blicke auf die vielen Häuser, die älter werden als ich jemals alt werden kann. Berlin, was ist dein Gesicht? Was wird bleiben? Zu oft wurdest Du schon bebaut, zerstört, aufgebaut, abgerissen, geteilt, abgebaut, umgebaut. Neben den Großbauten, den Monumenten und den Wahrzeichen, sind es die Nischen, die mich anziehen. Die Orte, die kommen und gehen. Die nicht da sind, um zu bleiben und dennoch verharren, Fragen aufwerfen und fordern. Eigentlich schreien sie uns an, die wir einfach weiter gehen. Doch im Trubel der Großstadt lassen auch wir uns nur treiben. Die Einsamkeit der Großstadt durchbrechen wir mit ihm, ihr, uns, Zuhause, daheim, bei der Arbeit. Doch am Ende meiden wir die Worte, Fragen und Wege, die weh tun. Alles geht seinen Gang. Routiniert leben wir in der Routine. Denken in Alternativen kostet Zeit, fordert uns und die Anderen. Dabei sind wir doch schon ständig müde. Wir sind mitten drin. Treiben, taumeln, haben unsere Fixpunkte gefunden und wissen: darauf können wir bauen. Dort können wir uns fallen lassen.

 

Begegnungen – wie oft ignorieren wir diese, weil zu viel zu tun ist, wir zu sehr in Gedanken oder zu wenig Interesse haben. Begegnen heißt sich ein-lassen, Zeit investieren, ohne einen Blick auf die Rechnung zu erhaschen. Dabei ist es genau diese Zeit, die wir nicht haben, oder meinen, nicht zu haben. Ungeduld, Zwinkern, Rennen bis es zu spät ist mit der Zeit. Wir versuchen immer mehr davon einzufangen bis zu dem Tag, an dem wir feststellen, dass es nicht gelingt. Dann ist es zu spät.

 

In Peking begegne ich Vielen und Keinem. Dort laufe ich ohne Fixpunkt durch die Stadt. Bin nicht Teil und fühle mich doch verbunden. Bei Nacht und in der Dunkelheit sehe ich wie die Arbeiter bei den provisorischen Garküchen ihr billiges Essen kaufen, müde, erschöpft, einsam, einfach nur sitzen und essen. Ich sehe wie Menschen mit Decken in Lkw-Plane eingewickelt auf der Suche nach einem Schlafplatz umher ziehen bis sich niemand mehr darum kümmert, dass es sie gibt. An der nächsten Ecke lande ich in einem der vielen Pekinger Spätis, kaufe ein Bier und ziehe weiter. Es ist Herbst, doch die Blätter sind nicht bunt, sondern staubig. Hier hat alles einen Grauschimmer, selbst die Dunkelheit. In Berlin würde ich niemals durch diese Straßen ziehen, bei Nacht, alleine, hier bin ich jemand, der nicht gefährlich werden kann, der egal ist, den man getrost ignorieren kann. Was mache ich hier? Ohne ihn, sie, uns laufe ich durch die Stadt und rieche mich in dieses Leben. Ein Leben im Jetzt, ohne Fixpunkt, ohne fallen lassen, ein Leben bis morgen früh.

 

Ich vermisse Berlin und doch laufe ich durch diese Stadt und sehe in ihr auch etwas von Berlin. In Peking wird auch ständig gebaut, abgebaut, neu gebaut, aber auch umgesiedelt, ausgesiedelt und immer wieder muss diese Stadt sich neu erfinden. Ich denke an diejenigen, die für 2 Yuan den ganzen Tag Metro fahren, nie aussteigen, schlafen, leben in der U-Bahn bis sie schließt und dann irgendwohin verschwinden bis die Türen wieder öffnen. Trotz der Nischen mitten in der Stadt, muss man doch weiter herausfahren, um zu sehen, was es nicht gibt. Orte, die niemals Heimat werden sollten und doch zur Heimat werden. Orte, die weh tun. Es gibt sie von Berlin bis Peking, doch ohne Fixpunkt, schaue ich auf die Straße und muss über die Idee, Träume leben zu können, laut lachen. Vielleicht suchen wir diese Nischen, die für uns alle etwas anderes sind, um begreifen zu können, was wir haben, was es heißt, Heimat, Fixpunkt oder Routine zu kennen und sich darauf verlassen zu können. In Peking ziehe ich durch die Straßen und fühle mich jünger, denn ich weiß nicht wie viele dieser Orte jemals älter werden als ich alt werden kann. Ich weiß nur, es ist Herbst – auch hier.

 

September 2014

 

 

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© Question of Perspective by Nadine Godehardt